#Welle

Einer der Momente, die mich nachhaltig an der documenta14 beeindruckt haben ist das Bild von Dimitris Tzamouranis mit dem Titel „36° 45 ́N—021° 56 ́E“ aus dem Jahr 2015, das eigentlich nicht zu der generellen documenta Ausstellung gehört, sondern zu der Ausstellung des Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen. Es wurde als Leihgabe für die documenta nach Kassel gegeben und im Fridericianum ausgestellt.

Auch wenn dieses Bild nicht eigentlicher Bestandteil der documenta14 war, lässt sich daran verdeutlichen, welches Phänomen hier beschrieben werden soll. Die ästhetische Vieldeutigkeit, die ein Werk hervorbringt und die abhängig ist, vom Rezipienten und von dem Kontext, in dem es gesehen wird. Beim ersten Betrachten dieses Bildes war für mich eindeutig, dass es ein positives Gefühl in mir auslöst. Es wirkt zwar rau, doch auch sehr anmutig und auf eine bestimmte Weise beruhigend auf mich. Man kann dem Wasser zwar nicht absprechen, dass es mächtig und bedrohlich wirkt, doch auch wenn der Himmel im Hintergrund dunkel ist und es so aussieht als würde ein Gewitter aufziehen, hat das Bild nur positive Assoziationen in mir hervorgerufen.

Dieses Gefühl veränderte sich aber schlagartig, nachdem wir innerhalb der Gruppe über das Gemälde sprachen. Es kam erst zu einem kollektiven und daraufhin zu einem individuellen Prozess. Der Großteil der Gruppe empfand das Bild als bedrohlich, aufwühlend, unruhig und unrealistisch. Die Welle sei nicht realistisch gezeichnet und breche an einer merkwürdigen, untypischen Stelle. Nach näherem Betrachten entdeckten mehrere Kommilitoninnen und Kommilitonen angedeutete ertrinkende Menschen in der Gischt der Welle. An einer Stelle erkennt man eine hilfesuchende Hand, die aus dem Wasser gestreckt ist. An einer anderen Stelle sieht man ein vor Furcht entstelltes Gesicht. Das Bild steht im Zusammenhang mit der politischen und moralischen Massage, die sich die documenta14 auf ihre Fahne geschrieben hat: aufmerksam machen auf Unterdrückung, Flucht und globale Missstände.

In diesem Zusammenhang betrachtet änderte sich auch mein Gefühl zu dem Bild von Dimitri Tzamouranis. Es brachte mich zum Nachdenken und das vorherige positive Gefühl wich einem bedrückendem. IW

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