Say it ain’t so!

Es ist verwunderlich: Sobald die Diskussion über Ausstellungen oder Kunst beginnt, stellen sich Fragen nach dem Höher-Schneller-Besser. Die Vergleichbarkeit wird gefordert, das Abwägen mit dem Richtig und Falsch folgt, und nicht zuletzt entbrennt eine Debatte um die Kurator*innenwahl und der Institution an sich. Der Tenor, verstärkt durch die finanzielle Krise: „Ist die documenta noch tragbar…“.

Zwischen der Grimmwelt Kassel und der Torwache an einem Bauzaun steht es geschrieben „D13 WAR BESSER“. Ausdruck verliehen wird dem ungefragten, aber dennoch expliziten Kommentar mit einem traurigen Smiley.  Der Verlauf der Sprühfarbe auf dem fleckig-grauen Grund multipliziert die Trübseligkeit. Oh… Im Vorbeigehen stellt sich mir die Frage: „Ist das wahr?“. Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden und tatsächlich, will ich sie auch nicht beantworten. Das Problem – wenn es überhaupt eines gibt – liegt vermutlich gar nicht darin, dass etwas besser oder schlechter ist, sondern dass eine Erwartungshaltung nicht erfüllt wurde. Ich frage mich welche Erwartung und welche Zuschreibung kommt der Kunst und  der documenta hier zu? Will sie besser sein, als das was vorher gezeigt wurde und muss sie das überhaupt?

Entspricht die Erwartung, das Unübertreffbare sehen zu müssen dem Zeitgeist? Entspricht sie einer Gesellschaft die Vertikal denkt und immer nach dem Höheren, dem Besseren strebt? Ist ein Mittelmaß nicht auch völlig okay, und wer legt die Mitte überhaupt fest?

Ist der Unmut über die d14, die Kunstauswahl, die kuratorische Leistung, das Konzept, das Merchandise, die Preise des Kaffees… nicht vielmehr ein Phänomen des gesamtgesellschaftlichen Pessimismus und der Abwehr allem Neuen, Anderen, Ungewohnten und Unbequemen gegenüber?  Dagegen zu sein schein noch immer hip!

Zeigt sich hier eventuell auch die nicht mehr zu verarbeitende Masse des alltäglichen, oberflächlichen Inputs? Und muss eine Ausstellung anzusehen als kulturelle Praxis eingeübt werden, weil sie sich schlicht davon unterscheidet das feed des Instagram-Accounts abzurufen oder die Tagesschau in einer Minute zu konsumieren? Die eigene Denk- und  Transferleistung ist essentieller Teil bei der Beschäftigung mit den Dingen.  Und ja, eine gute Ausstellung gibt Anknüpfungspunkte von denen aus gedacht werden kann.

Auch ein vorschnelles Urteil zu fällen scheint noch immer hip! Denn wer kann von sich behaupten die d14 von A-Z gesehen und verstanden zu haben? Die Durchschnittsbesucher*in bleibt 2-3 Tage und verpasst schlicht 97% einer nicht statischen Schau, die sich in Ihrer Veränderlichkeit potenziert.

Will die Welt die Themen die sie umtreibt in der Kunst verarbeitet sehen oder nicht? Will sie den schonungslosen Umgang mit der Krise ästhetisch gefasst? Ja oder Nein?  Das Motto der d14 war klar und die Konfrontation mit Themen wie Armut, Flucht und Krise auch. Wer noch immer auf die Kunst als das Schöne und das Erbauliche setzt ist selber Schuld. Und über die Qualität von Kunst zu sprechen ist irgendwie noch nie hip gewesen!

Ist die Aufgabe von Kunst, nicht eher Relevanzen zu schaffen und relevant zu sein? Ein Indikator für gesellschaftliche Prozesse zu sein, der verdeutlicht, wo die Veränderung liegt und welche Konsequenzen diese Veränderungen mit sich bringen können?

Es ist möglich die documenta so zu betrachten, wie jede andere Ausstellung auch. Es gibt Werke die direkt triggern und Positionen, die weder ästhetisch noch konzeptuell anrühren. Dies ist und bleibt ein individueller Prozess. Mein individueller Prozess ist noch immer im Gange: Ich denke an ein Pferd, völlig alleingelassen im kalten anonymen New York, ich denke an die Katastrophen des Krieges, installiert als Tableaus an der Wand, ich denke an Wohnröhren ähnlich den Bienenwaben und freu mich über  die Sensation im Kleinen.  Ich schätze es Wert, die Welt mit der Schablone der Künstler*innen nochmal neu gesehen zu haben und täglich neu zu sehen. Und wie heißt es so schön: the rest is silence.  SH

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