#Gefühle

Nach Kassel aufgebrochen bin ich neugierig und gespannt auf die Auswahl und Präsentation von Kunst aus aller Welt in dieser Stadt, auf die besonderen Kunstwerke, die sich die Studierenden des Seminars für ihre Präsentation ausgesucht hatten, und darauf, die Arbeit „meines“ Künstlers Dale Harding im Original und im Ausstellungskontext zu sehen.

Was ich in der Intensität nicht erwartet hatte, waren die unterschiedlichen Gefühle, die die Begegnung mit der Kunst der documenta 14 hervorgerufen hat.

Große Freude hat bei mir die Tatsache ausgelöst, so viele unterschiedliche Arbeiten zeitgenössischer indigener Künstler*innen sehen zu können. Wann und wo sonst gibt es in erreichbarer Nähe diese Gelegenheit? Wünschenswert wäre, dass diese Praxis der documenta 14 zur Selbstverständlichkeit im Kunstbetrieb würde, dann erübrigten sich irgendwann auch die Diskussionen über die Terminologie (first nation? indigenous people? etc.).

Die – in Format und Gestaltung – monströse Känguruh-Wandmalerei des indigenen Australiers Gordon Hookey hat mich zum Lachen und Nachdenken gebracht hat, und das an einem der besonderen Ausstellungsorte (Altes Postverteilungszentrum), den kluge KuratorInnen beeindruckend gestaltet haben. Das Bild dieses Besuchs rundet sich mit der Erinnerung an die Begleitung durch eine engagierte und kompetente Choristin, die ihre Begeisterung für Kunst und Künstler*innen vermittelt.

Gerne angeschaut habe ich die Mandala-artige Bodengestaltung im Eingang des Fridericianums, die in ihrer Vielfalt von Formen und Farben viele Besucher*innen an- und hineinzog, wodurch eine weitere Dimension des Raums in Licht, Mustern und Farben entstand. Dieses Werk im Eingangsbereich eines der vielbesuchten Orte der documenta 14 zu platzieren – eine kluge kuratorische Entscheidung.

Berührt hat mich unser Besuch der Dokumentarfilm-Retrospektive von Wang Bing. Seitdem ich Menschen in China bei der Herstellung von Kleidungsstücken für den internationalen Markt zugeschaut habe, achte ich noch mehr auf Produktionsländerangaben in meinen Kleidungsstücken, weiß aber keinen Weg, wie man das Schicksal dieser TextilarbeiterInnen als europäischer Konsument verbessern könnte. Auf andere Weise nahegegangen sind mir mehrere Transgender-Themen-Kunstwerke in der Neuen Galerie, besonders die von Lorenza Böttner und Ashley Hans Scheirl in ihrer höchst persönlichen Radikalität.

Die ausgestellte Arbeit des niederländischen Photographen Hans Eiijkelboom hat bei mir spontane und nachhaltige Verärgerung ausgelöst. Aus meiner Sicht ist sie gekennzeichnet durch mangelnde Distanz bzw. mangelnden Respekt gegenüber den photographierten Menschen . Den im Diskurs hergestellten Bezug zu den Arbeiten zu Bernd und Hilla Becher kann ich formal im Prinzip der seriellen Darstellung nachvollziehen, finde aber immer noch, dass es einen bedeutenden Unterschied macht, ob man Menschen oder industrielle Bauwerke abbildet. Hinzukommt, dass sich in den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher die Besonderheit und auch Ästhetik der Einzelobjekte manifestiert, während der Fokus von Eijkelbooms Arbeiten – aus meiner Sicht – eher auf der Vielzahl formaler Eigenschaften liegt und somit die Quantität dominiert vor den Eigenschaften der einzelnen Photo-„Objekte“.

Enttäuscht hat mich die Platzierung der Arbeiten von Dale Harding im Ottoneum: Seinen „wall panels“ hätte ich mehr Licht und Raum gewünscht, Hardings helle gestaltete Flächen könnten einen gesamten Raum zum Leuchten bringen.

Im Fridericianum hat die Stacheldraht-Installation positive Irritation bei mir ausgelöst: die Tatsache, dass ein Material, mit dem die BetrachterInnen eher Gewalt, Abgrenzung, Besitzansprüche, Verletzungen und Unfreiheit assoziieren, in seiner ästhetischen Vielfalt präsentiert wird, hat mich befremdet. Gedanken an Menschen, die Stacheldraht sehr real erleben (auch in Europa) und nicht – wie wir – als ästhetisches Objekt im Rahmen einer Kunstausstellung, gingen und gehen mir durch den Kopf.

Lässt sich aus diesen vielfältigen Eindrücken ein Fazit ziehen? Auf jeden Fall werde ich die Arbeit der KünsterInnen, die mich beeindruckt haben, weiter verfolgen. Und ich bin gespannt auf die documenta 15! BS

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