Mit zwei verschiedenen Erwartungen fuhr ich nach Kassel zur documenta 14. Einerseits war ich gespannt darauf meine Kritik an und meine Wut über bestehende Verhältnisse kreativ und massenwirksam umgesetzt zu sehen. Andererseits erwartete ich einmal herausgerissen zu werden aus meiner kleinen heilen Uni-Welt. Leider trat nur ersteres ein.
Dass die documenta in weiten Teilen den allgemeinen, bildungselitären, politisch links-alternativen Konsens relativ undifferenziert wiederspiegeln würde, war mir bereits vorher bewusst. In dieser Funktion ist sie natürlich ein wichtiges Sprachrohr für Menschen, die dem politischen Mainstream der Bundesrepublik kritisch gegenüberstehen und noch an alternative, gerechtere Gesellschafts- und Wirtschaftsformen glauben. Wer sollte uns darin unterstützen, wenn nicht die Kunst, die sozusagen qua Definition Avantgarde ist?
Was hätten wir da: Es gibt die Künstler*innen, die (meist kongruent zu ihren eigenen Wurzeln) auf die Kulturen und Tradition verschiedener first nations aufmerksam machen. Lieblos aufgereiht vor einer weißen Wand begrüßen uns die – mit Sicherheit sehr aufwendig hergestellten – Masken des kanadischen Künstlers Beau Dick in der documenta-Halle. Zur Reflektion des Entstehungskontexts bzw. der kulturellen und symbolischen Bedeutung der nachgemachten Artefakte oder auch einem Nachdenken über das Verhältnis des sozialen Status des Künstlers zu der Lebenswelt der Menschen, die sich tatsächlich über solche Kulturproduktion definieren, kann es nicht kommen. Zu wenig Zeit, zu wenig Informationen. Stattdessen zuckt der Kopf hin und her, unschlüssig darüber, was er sich in diesem Kuriositätenkabinett als erstes ansehen soll.
Sehen wir weiter: Aha! Die Abteilung über Feminismus, Gender und Behinderung. Interessante Themenzusammenstellung. Die Tatsache, aufgrund eines Körpermerkmals diskriminiert zu werden, scheint ausreichend zu sein, um einen Raum in der neuen Galerie für sich zu bekommen. Die Künstlerin Lorenza Böttner vereint gleich alle drei Merkmale auf sich: trans-weibliche Person mit Behinderung. Wie praktisch. Auch anwesend: Alina Szapocznikow mit den Themen: Holocaust und Brustkrebs. Das nenn ich mal viele Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Mal sehen was noch… Ach ja, am wichtigsten natürlich: Das Parthenon der Bücher. Mitten auf dem Platz vor dem Friedericianum, dem geographischen Zentrum der documenta, schreit uns Marta Minujíns die mehr oder weniger neue Erkenntnis ins Gesicht: Zensur ist scheiße, Diktatur auch. Athen allerdings, das ist cool.
Und schließlich: Die Flüchtlinge. Der Zugang zu dem wohl meist rezensierten Werk zu diesem Thema, die Installation von Guillermo Galindo, die aus Wrackteilen von Flüchtlingsboten besteht, welche zu Musikinstrumenten umfunktioniert wurden, bleibt mir gänzlich verschlossen. Irgendwie kommt mir das alte Sprichwort „Das Gute auch im Schlechten sehen“ in den Sinn. Das kann ja wohl kaum sein Ernst sein! Auch das altbekannte Narrativ aus etwas Altem, etwas Neues zu schaffen – Kunst aus Müll – Nachhaltigkeit und so, scheint mir an dieser Stelle irgendwie unpassend.
Sie versucht es mit allen Mitteln: Die documenta 14 will unbequem sein und doch fühle ich mich, die ich, wenn auch nicht grade intensiv, das aktuelle Weltgeschehen verfolge, eher bestätigt als unbequem herausgefordert.
Ich habe mich damit abgefunden, dass moderne Kunst meistens fern abseits der Lebenswelten agiert, in denen die Missstände herrschen, die sie zur Disposition stellt. In einer Gesellschaft, in der Bildung und somit das kulturelles Kapital, das die Erschließung zeitgenössischer Kunst erst möglich macht, so stark an finanzielles Kapital geknüpft ist, kann das gar nicht anders sein. Doch wenn ich schon gezwungen bin mit diesem kleinen exklusiven Kreis aus Kurator*innen, Künstler*innen und Besucher*innen der akademischen Mittel- und Oberschicht vorlieb zu nehmen, dann erwarte ich doch wenigstens die Thematisierung dieses Umstands in irgendeiner Art und Weise. Gerne auch unbequem.
Ich will mir, auf der – so called – wichtigsten Kunstaustellung der Welt, die Frage stellen können, was Kunst darf. Der Fairness halber muss ich sagen, es gab sie. Die Momente des Innehaltens. Des Zweimal Hinschauens. Des Weitergehens mit einem flauen Gefühl im Magen.
Neben all dem Politkitsch und den Reproduktionen über historische Unrechte und Ausstellungsstücken, die offenbar aus dem Völkerkundemuseum entwendet wurden. Da fröstelt es mich in meinen H&M Klamotten, als ich nur einen 10 minütigen Ausschnitt aus der 15 stündigen Dokumentation von Wang Bing ansehe, die den Alltag in einer Textilverarbeitungsfabrik in China aufzeichnet.
Unscheinbar und zugleich bedrohlich sehen die Buchstaben über dem Fridericianum auf mich herab: „Being safe is scary“. Damn right. Der Wohlstand, den ich jeden einzelnen Tag genieße, mit dem ich aufwuchs und den ich für selbstverständlich halte, speist sich aus dem Elend des größeren Teils der Welt. Und egal ob ich an diesem Umstand aktiv mitgewirkt habe oder ihn nur unkommentiert zu Kenntnis nehme, er wird mir früher oder später und allen, die meine Situation teilen, zum Verhängnis werden.
Die Installation von Sergio Zevallos nennt schonungslos die NSU Terroristin Beate Zschäpe und Ursula von der Leyen in einem Atemzug. Ob ich das in Ordnung finde? Mal sehen. Vielleicht werde ich mich in Zukunft intensiver die Arbeit der Verteidigungsministerin befassen. Ob ich zum gleichen Schluss komme wie Zevallos ist völlig egal. Ob hier Grenzen übertreten werden? Vermutlich. Aber darum geht es doch. Wenn ich wissen will, was der politische Konsens für Gut und Böse hält, muss ich nur eine beliebige Tagezeitung aufschlagen. Doch will ich wissen, wie Menschen die Welt sehen, die sich beruflich mit dem Satus-quo auseinandersetzten, den Blick geschärft für auch im Verborgenen liegende Zusammenhänge, dann gehe ich in eine Kunstausstellung. Oder?
Zu guter Letzt: Wenn ich mir die Dokumentation der Performance des Künstlers Roger Bernat ansehe, fühle ich mich ausgelacht. Bernat veranlasste, dass ein mehr oder weniger geschichtsträchtiger Felsbrocken (Sokrates soll davor der Prozess gemacht worden sein) seinen Weg von Athen nach Kassel findet. Unterwegs fährt der Stein U-Bahn, unterhält sich angeregt mit Tourist*innen, lässt von einer Grundschulklasse über seinen Aufenthaltsort debattieren und hängt zwischendurch auch mal im Fitnessstudio oder im Park ab. Alles dokumentiert durch Schnappschüsse (teilweise vom Stein selbst geschossen, wie die Bilduntertitel behaupten). Natürlich nimmt der Künstler in diesem Werk, das er mit „The Place of the Thing“ betitelt, die Besucher*innen nicht ganz ernst. Und doch ist es für mich eine erfrischende Erfahrung, welche einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt. Leider die Ausnahme auf der documenta 14. AF